Der Klimawandel verändert Wanderwege in Deutschland: Hitze, Starkregen und Trockenheit stellen Wanderregionen vor neue Herausforderungen. Digitale Warnsysteme, Umleitungen und klimaresistente Infrastruktur sollen das Wandern sicherer und attraktiver machen.

Ein Dachs steht am Wegesrand. Neben ihm liegt ein abgebrochener Ast, den das Tier offenbar gerade auf den Kopf bekommen hat. Über ihm hängt bereits der nächste tote Ast in der Baumkrone. Dahinter stehen abgestorbene Fichten und Baumstümpfe. Was wie eine harmlose Illustration wirkt, ist ein Warnschild des saarländischen Umweltministeriums. Es erzählt von einem Wald im Wandel – und von Wanderwegen, die sich anpassen müssen.

Deutschlands Wanderregionen erleben den Klimawandel längst nicht mehr als abstrakte Zukunftsfrage. Starkregen spült Wege aus, Trockenheit lässt Bäume absterben, Moore trocknen aus, Hitzetage verändern die Wandersaison. Was lange als Randthema galt, beschäftigt heute Wandervereine, Kommunen und Tourismusorganisationen im Alltag. Gleichzeitig entdecken viele Regionen Moore, Feuchtgebiete und sensible Naturlandschaften als attraktive Ziele für natur- und klimabewusste Gäste.

„Unsere Wanderinfrastruktur steht unter zunehmendem Anpassungsdruck.“
Liane Jordan

Der Deutsche Wanderverband begleitet diese Entwicklung. Im Projekt „Klimaangepasste Qualitätstransformation“ entstand ein Leitfaden für klimaresiliente Wanderinfrastruktur. Liane Jordan, Leiterin Qualitätsmanagement Wanderbares Deutschland & Leading Quality Trails – Best of Europe bei der Deutschen Wanderverband Service GmbH: „Unsere Wanderinfrastruktur steht unter zunehmendem Anpassungsdruck.“ Der Leitfaden helfe ebenso wie eine ebenfalls im Projekt entwickelte App zur Bestandserfassung, Schäden frühzeitig zu erkennen und Maßnahmen vorausschauend zu planen. Im Mittelpunkt stünden konkrete Lösungen für Regionen, die bereits heute mit Wetterextremen umgehen müssten.

  • Der Leitfaden „Klimaanpassung im Wandertourismus“ wurde im Rahmen des Projekts LIFT Transformation von der Deutschen Wanderverband Service GmbH entwickelt. Er bündelt praxisnahe Beispiele aus Deutschland und dem europäischen Ausland. Themen sind Infrastruktur, Kommunikation, Wegemanagement, Sensibilisierung und Finanzierung. Ziel ist es, Wanderwege trotz zunehmender Extremwetterereignisse langfristig sicher und attraktiv zu halten.

     

    Leitfaden Klimaanpassung im Wandertourismus

Wie solche Lösungen aussehen, zeigt das Hohe Venn in Belgien. Auf der Venntrilogie wurden feste Alternativrouten eingerichtet. Nach Starkregen oder bei Waldbrandgefahr können Abschnitte kurzfristig gesperrt werden. Rote Flaggen und digitale Hinweise informieren Wandernde in Echtzeit. Ähnliche Systeme entstehen inzwischen auch in Deutschland.

 

Parallel wächst die Bedeutung digitaler Wegemanagementsysteme. In der Schweiz werden Wegesperrungen zentral erfasst und automatisch an Tourenportale weitergegeben. Im Kreis Lippe können Wandernde Schäden über den digitalen Mängelmelder „MeldeMax“ per Smartphone melden. Für Wandervereine bedeutet das eine deutliche Entlastung.

Starkregen wie hier im Harz gefährden in vielen Regionen Deutschlands die Wanderinfrastruktur. Auch Stürme, Hitzewellen und Waldbrände werden zunehmen.
Starkregen wie hier im Harz gefährden in vielen Regionen Deutschlands die Wanderinfrastruktur. Auch Stürme, Hitzewellen und Waldbrände werden zunehmen. © L. Jordan / DWV

Michael Neugaertner, Leiter Wanderinfrastrukturberatung bei der Deutschen Wanderverband Service GmbH: „Das Thema taucht im Beratungsalltag zunehmend auf, es wird immer wichtiger.“ Besonders deutlich werde das bei Wegen, die früher als unproblematisch galten und heute unter Hitze oder Starkregen litten. Für die EifelSchleife „Wo Bäche schwinden“ seien bereits Anpassungsideen entwickelt worden: zusätzliche Schattenplätze, Hinweise auf kühlere Alternativrouten und Informationen zu Trinkwasserstellen. Klimaanpassung beginne nicht erst bei beschädigten Wegen, sondern bereits bei der Planung des Wandererlebnisses.

 

Auch die Bauweise vieler Wege verändert sich. Im Nordschwarzwald, im Weserbergland und in der Solling-Vogler-Region ersetzen Trittsteine zunehmend Holzbrücken. In den Berner Alpen stabilisieren Holzbalken Hänge, Natursteinrinnen schützen vor Ausspülungen.

  • Trittsteine statt Brücken
    Wo kleine Brücken durch häufigere Hochwasser gefährdet sind, können Trittsteine eine robuste und naturnahe Alternative sein. Sie ermöglichen die Querung von Gewässern auch bei veränderten Wasserständen.

     

    Digitale Schadensmeldungen
    Digitale Meldesysteme helfen dabei, Schäden an Wegen, Brücken oder Beschilderungen schnell zu erfassen. So können Verantwortliche zeitnah reagieren und die Sicherheit auf Wanderwegen verbessern.

     

    Alternative Wegführungen
    In empfindlichen Gebieten können alternative Routen Besucherströme lenken und sensible Lebensräume schützen. Gleichzeitig bleiben attraktive Naturerlebnisse erhalten.

     

    Refill-Stationen für Trinkwasser
    Kostenlose Trinkwasserstationen entlang von Wanderwegen gewinnen angesichts häufiger Hitzetage an Bedeutung. Sie tragen dazu bei, die Versorgung von Wandernden sicherzustellen und Einwegplastik zu vermeiden.

     

    Informationsschilder zum Klimawandel
    Schautafeln entlang der Wege machen Veränderungen in Wald und Landschaft sichtbar. Sie erklären beispielsweise Waldumbau, Trockenstress oder die Folgen extremer Wetterereignisse.

     

    Beschattete Rastplätze
    Begrünte oder mit Bäumen ausgestattete Rastplätze bieten Schutz vor intensiver Sonneneinstrahlung. Dadurch steigt der Komfort und die Aufenthaltsqualität auf exponierten Strecken.

Besonders sichtbar werden die Folgen des Klimawandels am Rothaarsteig. Hier setzen die Wegeverantwortlichen bei Wegweisern auf modulare Systeme mit recycelten Leitplankenpfosten als Fundament. Der 154 Kilometer lange Fernwanderweg durch das Rothaargebirge gilt als eines der Pilotprojekte für klimaresiliente Wanderinfrastruktur. Dr. Harald Knoche, Geschäftsführer des Rothaarsteigvereins: „Der Rothaarsteig ist als Natur- und Tourismusangebot unmittelbar von den Folgen des Klimawandels betroffen.“ Deshalb müsse der Weg gezielt an diese Veränderungen angepasst werden. Das Ziel sei ambitioniert: „Der Rothaarsteig soll der erste nachhaltige und klimaresiliente Fernwanderweg Europas werden.“ Das entsprechende Entwicklungsprojekt läuft bis 2027.

„Der Rothaarsteig soll der erste nachhaltige und klimaresiliente Fernwanderweg Europas werden.“
Dr. Harald Knoche

Vor allem der Borkenkäfer hat die Landschaft verändert. Große Fichtenbestände starben ab, zurück blieben weitläufige Kahlflächen. „An vielen Stellen fehlt heute die natürliche Verschattung, die Wandernde früher selbstverständlich vorgefunden haben“, sagt Knoche. Hinzu kommen die Folgen der Aufräumarbeiten. Schwere Forstmaschinen beschädigten Wege, die anschließend geschottert wurden. Das Problem: „Qualitätswege Wanderbares Deutschland“ wie der Rothaarsteig leben von naturnahen Passagen. „Durch den Käferbefall und die notwendige Holzernte war das vielerorts nicht mehr gegeben“, sagt Knoche. Teilweise seien Strecken deshalb verlegt worden, um geschotterte Abschnitte zu vermeiden und Qualitätsstandards zu erfüllen. Vor zwei Jahren gab es zudem einen flächigen Brand in Rothaarsteig-Nähe, der das Wandern durch Rauchentwicklung und den Einsatz von Löschfahrzeugen behindert hat.

Zu den Reaktionen auf den Klimawandel an Wanderwegen gehören neben Wasserspendern und Infotafeln Schattenplätze und digitale Informationssysteme.

Zu den Reaktionen auf den Klimawandel an Wanderwegen gehören neben Wasserspendern und Infotafeln Schattenplätze und digitale Informationssysteme. © L. Jordan / DWV

Die Anpassung des Weges an die Folgen des Klimawandels erfolgt oft im Detail. Der Rothaarsteigverein setzt seit Jahren auf robuste und langlebige Materialien. Sitzgruppen erhalten feuerverzinkte Untergestelle, die Extremwetter besser standhalten. Weil ehemalige Waldflächen heute ungeschützt in der Sonne liegen, installiert der Verein an einzelnen Rastplätzen Sonnensegel.

 

Gleichzeitig werden Wanderwege zunehmend zu Bildungsorten. Auf dem Heidschnuckenweg informieren Tafeln über die Auswirkungen der Klimakrise auf Heidelandschaften, im Harz erklärt die Initiative „Der Wald ruft“ die Folgen von Trockenheit und Borkenkäferbefall, der Nationalpark Schwarzwald macht auf dem Lotharpfad natürliche Waldentwicklung nach Sturmschäden erlebbar.

„Das Thema Klimawandel taucht im Beratungsalltag zunehmend auf, es wird immer wichtiger.“
Michael Neugaertner

Daria Regozini, Projektmitarbeiterin des Projekts LIFT und Mitarbeiterin im Qualitätsmanagement Wanderbares Deutschland bei der Deutschen Wanderverband Service GmbH: „Viele Menschen möchten heute nicht mehr nur eine schöne Strecke laufen, sie interessieren sich dafür, warum sich Landschaften verändern und wie Regionen darauf reagieren.“ Gerade Moore verbänden Klimaschutz, Artenvielfalt und Naturerlebnis.

„Viele Menschen möchten heute nicht mehr nur eine schöne Strecke laufen, sie interessieren sich dafür, warum sich Landschaften verändern und wie Regionen darauf reagieren.“
Daria Regozini

Auch am Rothaarsteig sollen Besucher die Veränderungen bewusst wahrnehmen. Informationstafeln erläutern ökologische Zusammenhänge und die Folgen des Klimawandels für die Region. Zunehmend wichtiger wird dort auch eine klimafreundliche Mobilität. „Wir versuchen, Angebote zu entwickeln, die die An- und Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln einfacher machen“, sagt Knoche. Über einen CO₂-Rechner können Gäste ihren ökologischen Fußabdruck ermitteln und freiwillig einen Klimabeitrag leisten. Die Mittel fließen in klimaresiliente Infrastruktur entlang des Weges. Auch touristische Partnerbetriebe werden für Nachhaltigkeitsthemen sensibilisiert. Zudem beteiligt sich der Rothaarsteig an der TourCert-Zertifizierung des Sauerland-Tourismus als „Nachhaltiges Reiseziel“.

 

Wirtschaftlich stellt die Anpassung viele Regionen vor neue Herausforderungen. Die Unterhaltung der Infrastruktur wird teurer, gleichzeitig steigt der Investitionsbedarf. Deshalb entstehen neue Finanzierungsmodelle. In der Lüneburger Heide finanziert der „HeideFonds+“ klimafreundliche Infrastruktur, in Bayern werden öffentliche Trinkbrunnen gefördert.

  • Die Anpassung der Wegeinfrastruktur ist teuer. Unterstützung gibt`s vielerorts durch Förderprogramme. Hier einige Beispiele: 

     

    HeideFonds+ (Lüneburger Heide)
    Der HeideFonds+ unterstützt regionale Projekte über Spenden und freiwillige Klimabeiträge von Gästen. Die Mittel fließen unter anderem in Natur- und Klimaschutzmaßnahmen.

     

    Förderung kommunaler Trinkbrunnen in Bayern
    Der Freistaat Bayern unterstützt Kommunen beim Bau öffentlicher Trinkbrunnen mit Zuschüssen von bis zu 90 Prozent der förderfähigen Kosten.

     

    FöNa-Richtlinie in Nordrhein-Westfalen
    Über die FöNa-Richtlinien (Förderrichtlinie Naturschutz) werden Projekte gefördert, die nachhaltige und naturnahe Infrastruktur stärken und zur Klimaanpassung beitragen.

     

    EU-Programm LEADER
    Das europäische Förderprogramm unterstützt regionale Entwicklungsprojekte. Dazu gehören auch Vorhaben im nachhaltigen Tourismus sowie Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel.

Die Wanderwege der Zukunft werden anders aussehen als die der vergangenen Jahrzehnte: digitaler, flexibler und stärker mit Umweltbildung verbunden. Das saarländische Schild mit dem Dachs und dem herabfallenden Ast erzählt davon bereits heute. Es zeigt keinen idyllischen Wald mehr, sondern eine Landschaft im Übergang. Und es erinnert daran, dass Wandern längst nicht mehr nur Freizeit ist, sondern auch eine Begegnung mit den Folgen des Klimawandels.

 

„Wir erleben den Klimawandel nicht als theoretische Zukunftsfrage, sondern direkt am Weg“, so Knoche. Kaum irgendwo wird so sichtbar, wie sich Landschaften verändern – und wie Menschen versuchen, sich daran anzupassen.

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