Christine Thürmer über Qualitätswege, die Sehnsucht nach Langsamkeit und warum Deutschland als Wanderland besser ist als sein Ruf

Mehr als 70.000 Kilometer zu Fuß, rund 40 bereiste Länder und fast zwei Jahrzehnte unterwegs mit Rucksack und Zelt: Christine Thürmer gilt als die meistgewanderte Frau der Welt. Sie kennt Wanderwege wie kaum ein anderer Mensch. Im Gespräch mit Wanderbares Deutschland erklärt sie, warum eine gute Tour nichts mit Rekorden zu tun hat, welche Rolle Qualitätswege für das Naturerlebnis spielen und weshalb Deutschland international oft unterschätzt wird.

 

Man könnte dieses Gespräch mit Zahlen beginnen. Mit den Kilometern, den Ländern oder den Nächten im Zelt. Doch Christine Thürmer winkt ab. Zahlen seien allenfalls eine Randnotiz. Entscheidend sei etwas anderes: ob ein Weg in Erinnerung bleibt. Genau deshalb dreht sich dieses Interview nicht um Rekorde, sondern um die Frage, was eine Wanderung wirklich gut macht.

 

Frau Thürmer, Sie haben mehr Wanderkilometer zurückgelegt als die meisten Menschen in mehreren Leben. Was macht für Sie eine gute Wanderung aus?

Plakativ gesagt ist das die Senkung der Glücksschwelle. Beim Wandern reduziert man sich automatisch auf das Minimum im Rucksack und stellt dabei hautnah fest, wie wenig es zum Glücklichsein braucht. Dinge, die man vorher als total normal betrachtet hat, bekommen plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Eine heiße Dusche ist im Alltag zum Beispiel nicht erwähnenswert, doch nach einer langen schweißtreibenden Wanderetappe wird sie zum Highlight des Tages. Idealerweise nimmt man anschließend dieses so direkte und körperliche Glücksgefühl in den Alltag mit und wird neudeutsch gesagt „achtsamer”. 

 

Viele Menschen dokumentieren heute jede Tour digital. Geht dabei etwas verloren?

Digitale Planung ist großartig und ich selbst bereite meine monatelangen Touren höchst akribisch vor. So muss ich mich unterwegs nicht um Routenplanung und Logistik kümmern, sondern kann meine Gedanken frei schweifen lassen. Ich wandere am liebsten auf existierenden Weitwanderwegen, denn die sind gerade in Europa so angelegt, dass sie an den landschaftlich schönsten und kulturellen interessantesten Orten vorbeiführen.

 

Damit sprechen Sie einen Kern der Qualitätsinitiative „Wanderbares Deutschland” an. Wie wichtig sind die Qualitätsmerkmale der Initiative?

Deutschland ist mit seinem extrem gut ausgebauten und markierten Wegenetz perfekt für Einsteiger und Genusswanderer. Auf Qualitätswegen kann man sich nicht nur auf viel Abwechslung verlassen, sondern auch darauf, dass man nicht plötzlich vor einer abgesperrten Kuhweide oder einer weggespülten Brücke steht. Es gibt Unterkünfte, Supermärkte und Restaurants am Wegesrand, so dass niemand schwere Ausrüstung und Proviant für mehrere Tage schleppen muss. Vor allem freuen sich die Füße, denn Asphalt als Untergrund ist hier die Ausnahme.

 

Sie kennen Wanderwege in Nordamerika, Australien, Asien und Europa. Wird Deutschland als Wanderland unterschätzt?

Viele träumen von Touren in den USA oder Neuseeland und vergessen, dass die Gesetzgebung dort nicht besonders wanderfreundlich ist. Gerade im angelsächsischen Raum ist das Betreten von Privatgrund verboten, Wandern beschränkt sich dort auf Nationalparks und Staatswälder. In Deutschland hingegen gilt ein Waldbetretungsrecht, das heißt, jeder kann hier zu Erholungszwecken wandern – egal ob sich der Wald nun in privatem oder öffentlichem Besitz findet. Damit ist Deutschland wandermäßig quasi das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Kein Wunder also, dass das deutsche Wanderwegenetz in etwa genauso groß ist wie das gesamte nordamerikanische. 

 

Was beeindruckt Sie besonders?

Wandern ist in Deutschland Volkssport, selbst Großstädter können in kurzer Zeit und mit öffentlichen Verkehrsmitteln ein Wandergebiet vor der Haustür erreichen. In Nordamerika hingegen steht vor jeder Wandertour erstmal eine stundenlange Anreise mit dem PKW. Weil Wandern in Deutschland so beliebt ist, gibt es auch so viele Freiwillige, die sich in Vereinen mit viel Herzblut für den Ausbau und Erhalt der Wege einsetzen. Ein so großes Engagement der Bevölkerung ist weltweit wirklich einzigartig.

 

Zu einem gelungenen Wandererlebnis gehören auch Gastgeber. Welche Rolle spielen sie?

Auch das ist ein riesiger Unterschied zu Nordamerika. Weil es dort in der Wildnis natürlich keine Unterkünfte gibt, sind längere Touren zwangsweise mit Camping verbunden – was aber nicht jeder machen will oder kann. Die Hemmschwelle, einfach mal loszuwandern, ist dort also extrem hoch. In Deutschland hingegen muss sich niemand eine teure Campingausrüstung kaufen und durch die Gegend schleppen, denn hier stehen genügend Unterkünfte in allen Preisklassen zur Verfügung. Übrigens ist auch die Verpflegung hierzulande Klassen besser und ich liebe es, während meiner Tour regionale Spezialitäten zu kosten.

 

Sie haben einmal gesagt, das Abenteuer beginne nicht erst in der Wildnis.

Das stimmt. Viele glauben, Abenteuer entstünden nur dort, wo es möglichst einsam oder spektakulär ist. Ich sehe das anders. Abenteuer entsteht immer dann, wenn man sich auf etwas Unbekanntes einlässt - und das kann man in der Mark Brandenburg genauso machen wie im Himalaya. 

Christine Thürmer ist seit fast zwei Jahrzehnten unterwegs mit Rucksack und Zelt. Dabei bereiste sie  rund 40 Länder und wanderte mehr als 70.000 Kilometer. Sie weiß, was eine Wanderung gut macht.

Sie sind nicht nur in Deutschland unterwegs gewesen, sondern auf Wanderwegen in aller Welt. Was aus anderen Ländern würden Sie gerne auf Deutschland übertragen?

Ich war mittlerweile in 40 Ländern auf fünf Kontinenten unterwegs und habe festgestellt: gewandert wird zwar überall, aber überall anders – und auch aus anderen Gründen. Da gibt es kein richtig oder falsch und daher würde ich mir hierzulande auch etwas mehr Toleranz wünschen, denn die meisten Wanderer haben eine sehr feste Vorstellung davon, wie man „richtig” wandert. So wollen die Deutschen meist möglichst abseits der Zivilisation wandern und reisen dafür zum Beispiel gerne in die Berge oder nach Skandinavien. In Asien hingegen haben die Menschen so wenig Urlaubsanspruch, dass mehrtägige oder gar mehrwöchige Wanderreisen gar nicht möglich sind. Stattdessen erholt man sich dort auf stadtnahen City Trails direkt in den Metropolregionen. Deutschland ist in der glücklichen Situation, dass sich viele abwechslungsreiche Landschaften quasi direkt vor der Haustür befinden, gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden können und noch dazu über eine hervorragende Wanderinfrastruktur verfügen. Diese Kombination gibt es weltweit nur in Europa und besonders ausgeprägt in Deutschland.

 

Die Europäische Wandervereinigung verfolgt das Ziel, Menschen über hochwertige Wege grenzüberschreitend miteinander zu verbinden. Welche Bedeutung hat das Wandern für Europa?

Europa ist für Wanderer der wohl schönste Kontinent, nirgendwo sonst gibt es ein so großes Wegenetz. Ich bin bereits dreimal durch ganz Nordamerika und dreimal durch ganz Europa gewandert – und der Unterschied ist phänomenal! Wandert man 4.000 Kilometer von der mexikanischen bis an die kanadische Grenze, dann sprechen alle Englisch und essen Fast Food. Läuft man dieselbe Strecke durch Europa, ändert sich nicht nur die Sprache und Kultur, sondern auch die kulinarischen Spezialitäten. Oder praktisch ausgedrückt: Hier wandert man von Pizza zu Pelmeni und von Topfenpalatschinken zu Tiramisu. Und das ist ein nicht zu vernachlässigender Faktor, denn 90% der Gedanken eines Langstreckenwanderers drehen sich ums Essen ...

 

Gleichzeitig erleben wir einen regelrechten Wanderboom. Manche Ziele geraten an ihre Belastungsgrenzen.

Leider ja, denn wie schon gesagt, haben die meisten Wanderer eine ganz bestimmte Vorstellung im Kopf: Am besten in die Berge oder auf einen spanischen Camino. Die sozialen Medien mit ihren geschönten Fotos verstärken dieses Bild noch weiter. Dabei ist für die Essenz des Wanderns, also die Senkung der Glücksschwelle, die Landschaft eher nebensächlich. Ich persönlich meide daher populäre Wege und reise bevorzugt in eher unbekannte Wandergebiete.

 

Die Qualitätsinitiative „Wanderbares Deutschland” will dazu beitragen das Wandern räumlich zu entzerren. Nahezu in allen Regionen Deutschlands gibt es „Qualitätswege Wanderbares Deutschland” und die meisten sind keine Instagram-Hotspots.

Ein guter Wanderweg muss kein Instagram-Hotspot sein. Weil Deutschland ja in der Mitte Europas liegt bin ich schon viermal komplett durch das ganze Land gewandert auf Dutzenden von Qualitätswanderwegen – und sie waren alle wirklich schön!

 

Hat sich auch das Publikum verändert?

Als Kind habe ich Wandern regelrecht gehasst, denn damals waren meist ältere Herrschaften mit Kniebundhosen und Lodenjanker unterwegs. Wandern hat dieses verstaubte Image aber schon längst abgelegt und ist heutzutage zum Trendsport geworden. Die Menschen wandern um abzunehmen oder um den Sinn des Lebens zu finden – und alles zwischendrin. Und erfreulicherweise sind auch alle Altersgruppen unterwegs, aber mittlerweile eher in Funktionskleidung und Goretex.

 

Sie sprechen häufig davon, dass Wandern Körper und Kopf gleichermaßen guttut.

Nicht umsonst waren die Philosophen schon vor Jahrhunderten zu Fuß unterwegs. Einerseits regt das Gehen in der Natur die Gedanken an, andererseits ist die Tätigkeit so einfach, dass sie nicht überfordert – zumindest, wenn man auf gepflegten Wanderwegen unterwegs ist. Die meisten Menschen sind heutzutage so sehr in Beruf und Familie eingespannt, dass sie es sehr genießen, beim Wandern einfach mal die Gedanken wieder frei schweifen lassen zu können.

 

Nach all Ihren Reisen: Gibt es überhaupt noch Wege, von denen Sie träumen?

Natürlich. Es gibt auf der Welt so viele tolle Wanderwege, dass ich keinen Trail zweimal gehe, sondern lieber immer was Neues entdecke. Statt spektakulärer Landschaft reizen mich persönlich eher unbekannte Länder oder ungewöhnliche Ökosysteme. So will ich demnächst in den Kaukasus und auf die City Trails von Hongkong.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Wanderns?

Wandern ist die wohl demokratischste alle Outdoor-Sportarten. Man braucht dazu keine besonderen athletischen Fähigkeiten, nur wenig Geld und kann es zu fast jeder Jahreszeit und in fast jedem Land betreiben. Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele Menschen das einmal persönlich erleben. 

  • Der wichtigste Faktor für den Erfolg einer Weitwanderung ist ein möglichst niedriges Rucksackgewicht. So wiegt ihre gesamte Ausrüstung gerade mal fünf Kilogramm. Ihre langen Touren geht sie ausschließlich in leichten Trailrunningschuhen, denn darin ermüden die Füße viel weniger als in schweren Wanderstiefeln – und Blasen gibt es so auch nicht. Mit im Gepäck ist immer Schokolade, denn die hat nicht nur das beste Verhältnis von Kalorien zu Gewicht, sondern ist auch noch ein echter Moral-Booster. 

    Weiterführende Informationen und praktische Wandertipps von Christine Thürmer finden sich unter: www.christinethuermer.de

  • Ab November 2026 präsentiert Christine Thürmer ihr neues Bühnenprogramm in zahlreichen deutschen Städten. Die Tour beginnt am 10. November in Stuttgart und führt sie über 24 Städte bis zum Frühjahr 2027 quer durch Deutschland. In ihrer Show vergleicht sie auf humorvolle Weise die Outdoorkulturen von Chile bis Taiwan und gibt eine Schritt-für-Schritt-Anleitung wie man – und vor allen Dingen frau – die Angst vor dem alleine Wandern und Zelten verliert. Die Zuschauer können ihr live Fragen stellen und wollen nach dem Besuch der Show meist gleich selbst loslaufen. Alle Ticketlinks stehen auf ihrer Webseite www.christinethuermer.de

  • Die „Qualitätsinitiative Wanderbares Deutschland” setzt hohe Standards für die Zertifizierung von Wanderwegen, um ein erstklassiges Wandererlebnis zu garantieren. Zu den Kernkriterien gehören eine lückenlose und eindeutige Markierung, eine naturnahe Wegbeschaffenheit mit möglichst wenig asphaltierten Abschnitten sowie eine abwechslungsreiche Landschaftsführung. Zudem spielen die touristische Infrastruktur, wie wanderfreundliche Unterkünfte und die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, eine entscheidende Rolle. Diese Kriterien helfen nicht nur bei der Qualitätssicherung, sondern dienen auch der gezielten Besucherlenkung, um ökologisch sensible Bereiche zu schützen und die Wandernden auf attraktive, aber weniger überlaufene Routen zu führen.