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Was macht einen richtig guten Weitwanderweg aus? Welche Entwicklungen gibt es in der Wanderszene? Christa Fredlmeier, Geschäftsführerin der Top Trails of Germany, im Interview.

Was darf ich als Wanderer erwarten, wenn ich mich für einen Top Trail entscheide?

Vor allem eines: Orientierung und Vertrauen. In einer Zeit, in der es immer mehr Weitwanderwege gibt, erleichtern die Top Trails, die richtige Wahl zu treffen. Wer sich für einen Top Trail entscheidet, entscheidet sich bewusst für einen der besten Wege Deutschlands. Denn »top« bedeutet bei uns nicht  
einfach nur schön – sondern klar profiliert. Jeder Weg hat ein eigenes, unverwechselbares Thema und ein starkes Leistungsversprechen, das unterwegs auch wirklich erlebbar wird.

Zum Beispiel? 

Das kann ganz unterschiedlich sein: Der Schluchtensteig im Schwarzwald verbindet als einziger Weitwanderweg mehrere Schluchten miteinander und macht diese wilde, ursprüngliche Landschaft auf besondere Weise erfahrbar. Der Weserbergland-Weg greift das Thema Märchen auf und lässt die Region auf eine fast poetische Art lebendig werden. Und der Eifelsteig ist der Leitweg durch die vulkanisch geprägte Mittelgebirgslandschaft – ein Weg, auf dem man Erdgeschichte, Weite und kulturelle Tiefe intensiv spüren kann. Jeder Weg erzählt seine eigene Geschichte – und gleichzeitig kann ich mich darauf verlassen, dass die Qualität stimmt. Ich bekomme also ein durchdachtes Gesamterlebnis: eine klare Wegeführung, eine funktionierende Infrastruktur,  passende Gastgeber und eine starke inhaltliche Idee, die mich über mehrere Tage begleitet. Dieses Zusammenspiel aus Verlässlichkeit und Einzigartigkeit ist es, was für mich das »Top« bei den Top Trails wirklich bedeutet.

Christa Fredlmeier ist seit 2009 Geschäftsführerin der Top Trails of Germany. Sie studierte Geografie und Tourismus, arbeitete zunächst für den Tourismusverband Paderborner Land, ab 2001 als Marketingleiterin für den Rothaarsteig, später als Geschäftsführerin vom Regionalverbund Thüringer Wald und brachte u.a. den Lechweg oder  die Wandertrilogie Allgäu mit auf den Weg. 

Gibt es Gemeinsamkeiten? 

Ja, und die sind tatsächlich sehr wichtig. Alle Top Trails sind Weitwanderwege mit mehreren Etappen – also Wege, auf die man sich bewusst einlässt und die man nicht »mal eben« geht. Was sie verbindet, ist ein gemeinsames Qualitätsverständnis. Jeder Weg hat seinen eigenen Charakter, seine eigene Landschaft und seine eigene Geschichte – aber sie alle erfüllen bestimmte Anforderungen an Wegeführung, Infrastruktur und Service. Ich finde es immer schön zu sagen: Die Top Trails sind unterschiedlich im Erlebnis, aber ähnlich im Anspruch. Und genau das macht sie als Gemeinschaft so stark.

Für welches Qualitätsversprechen  stehen die Top Trails vor allem?

Wir denken ganzheitlich. Es geht nicht nur um den Weg, sondern um das gesamte Wandererlebnis. Früher hat man oft gesagt: Hauptsache, der Weg ist schön. Heute wissen wir, dass das nicht reicht. Es geht um die gesamte Kette – von der Planung über die Etappen bis hin zur Unterkunft, zur Verpflegung oder zum Gepäcktransport. Der Gast kann sich auf diese Qualität verlassen. Wir wollen nicht die meisten Wege haben, sondern die besten.

Kann jeder Wanderweg ein Top Trail werden?

Nein, ganz bewusst nicht. Ein Top Trail muss zunächst einmal ein Weitwanderweg sein – also ein Weg mit mindestens fünf Etappen beziehungsweise rund 100 Kilometern Länge. Es geht also nicht um schöne Tagestouren, sondern um Wege, auf die man sich wirklich über mehrere Tage einlässt. Darüber hinaus muss der Weg eine herausragende Qualität haben und als Leuchtturm seiner Region wahrgenommen werden. Dazu gehört nicht nur eine attraktive und profilierte Wegeführung, sondern auch ein nachweisbares Qualitäts- und Wegemanagement. Es muss klar sein, wer für Pflege, Markierung, Kontrolle und Weiterentwicklung verantwortlich ist. Genauso wichtig ist ein professionelles Marketing. Ein Top Trail ist nicht einfach nur ein guter Weg in der Landschaft, sondern ein touristisches Produkt, das sichtbar gemacht, buchbar gedacht und entlang der gesamten Servicekette entwickelt wird. Und noch etwas: Ein Weg muss sich bereits bewährt haben. Ein Top Trail wird man nicht nur, weil der Weg gut ist, sondern weil man bereit ist, Teil dieser Gemeinschaft zu sein, sich einzubringen, Erfahrungen zu teilen und gemeinsam Themen weiterzuentwickeln. 

Die Marke Top Trails ist ja ein Zusammenschluss von Weitwanderwegen ...

... stimmt, aber wir sind tatsächlich mehr als das. Natürlich machen wir auch gemeinsames Marketing. Aber im Kern sind wir eine Werte- und Qualitätsgemeinschaft. Wir arbeiten sehr eng zusammen, tauschen uns regelmäßig aus und profitieren enorm voneinander. Jeder Weg hat seine eigenen Erfahrungen gemacht – und dieses Wissen teilen wir. Gerade in den letzten Jahren hat sich das noch einmal verstärkt. Es geht nicht mehr nur darum, sich gemeinsam zu präsentieren, sondern wirklich gemeinsam an den großen Themen zu arbeiten.

Jeder Weg mit eigenem Charakter, in unterschiedlicher Landschaft, mit eigener Geschichte: Die Marke Top Trails of Germany verbindet 15 Weitwanderwege, die eine besondere Qualität versprechen.

Welche Themen stehen derzeit obenan? 

Ein ganz zentrales Format ist für uns die Zukunftswerkstatt. Dort nehmen wir uns bewusst Zeit, um über die Themen zu sprechen, die uns alle betreffen. Aktuell steht ganz klar die nachhaltige Entwicklung im Mittelpunkt. Und zwar nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch. Wir sprechen über Infrastruktur – zum Beispiel über Möblierung oder Trinkwasserversorgung entlang der Wege. Wir sprechen über Angebote, über Mobilität, über Kommunikation. Und die große Frage ist immer: Wie können wir Nachhaltigkeit so umsetzen, dass sie für den Gast erlebbar wird? Übrigens: Destinationsorganisationen, die ihren Weitwanderweg zu einem Top Trail weiterentwickeln möchten, sind herzlich zur Zukunftswerkstatt eingeladen. Dort haben sie die Möglichkeit, uns persönlich kennenzulernen und einen direkten Einblick in unsere Werte, Ziele und Arbeitsweise zu gewinnen. Auf der Deutschlandkarte fehlen uns noch Regionen mit Weitwanderwegen – etwa an der Küste oder in den Alpen. Unser Anspruch ist es, mit den Top Trails alle Landschaftsformen Deutschlands repräsentativ abzubilden.

Stichwort Nachhaltigkeit:  
Welche Anreize gibt es?

Ich finde es spannend zu sehen, wie viele gute Ideen aktuell entstehen – vor allem aus der Praxis heraus. Ein ganz wichtiger Hebel sind die Gastgeber. Sie haben den direkten Kontakt zum Gast und können nachhaltiges Verhalten ganz konkret unterstützen. Das kann ganz einfach sein: Vorteile für Gäste, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, oder Angebote, die bewusst ressourcenschonend gestaltet sind. Wichtig ist aus meiner Sicht: Nachhaltigkeit funktioniert dann gut, wenn sie nicht kompliziert ist. Wenn sie sich einfach richtig anfühlt.

Stichwort Klimawandel ... 

... der ist für uns längst Realität. Wir merken das in der Natur, aber auch ganz konkret in unserer täglichen Arbeit. Besonders sichtbar wird das oft bei den Gastgebern. Sie reagieren sehr flexibel und entwickeln viele kreative Lösungen. Ich finde zum Beispiel Aktionen sehr schön, bei denen Gäste, die mit der Bahn anreisen, einen zusätzlichen Anreiz bekommen – sei es durch ein besonderes Angebot oder sogar durch symbolische Dinge wie das Pflanzen eines Baumes. Auch das Thema Trinkwasser wird immer wichtiger. Viele Gastgebende entlang der Wege bieten inzwischen an, Wasserflaschen kostenlos aufzufüllen. Das sind kleine Maßnahmen, die aber eine große Wirkung haben können.

Welche Entwicklungen siehst du aktuell  
in der Wanderszene?

Der größte Fortschritt ist für mich, dass wir heute sehr genau wissen, wie man gute Wanderwege macht. Die Herausforderung liegt jetzt woanders: Wie sichern wir diese Qualität langfristig? Wie gehen wir mit den Auswirkungen des Klimawandels um? Und wie schaffen wir es, die notwendigen Ressourcen – insbesondere die Finanzierung – dafür zu sichern? Und gleichzeitig sehe ich eine Entwicklung hin zu mehr Bewusstsein. Wandern ist für viele Menschen nicht mehr nur Bewegung, sondern auch ein Stück Lebensqualität, Entschleunigung und Naturerlebnis.

Wie kam es zur Gründung der Top Trails? 

Die Idee entstand Anfang der 2000er-Jahre. Damals gab es mit dem Rennsteig, dem Rothaarsteig und dem Rheinsteig die ersten großen Fernwanderwege. Und irgendwann hat man sich einfach zusammengesetzt und gefragt: Was können wir gemeinsam tun? Das war eigentlich der Anfang. Und von Anfang an ging es tatsächlich weniger um Wettbewerb als um Zusammenarbeit.

Und es gab kein Konkurrenzdenken?

Nein, erstaunlicherweise nicht. Natürlich sieht jeder seinen eigenen Weg, aber die Herausforderungen waren ähnlich. Und da war es einfach sinnvoll, voneinander zu lernen. Diese Offenheit hat uns bis heute geprägt.

Was hat sich in den letzten 20 Jahren  verändert?

Sehr viel. Am Anfang ging es darum, überhaupt gute Wanderwege zu entwickeln und sichtbar zu machen. Vieles war neu – von der Vermarktung bis hin zur Zusammenarbeit mit Gastgebern, Veranstaltern, weiteren Dienstleistern, zum Beispiel Gepäcktransport. Heute sind wir einen Schritt weiter. Wir müssen die bestehenden Angebote sichern, Stichwort Finanzierung der Wanderinfrastruktur, sie weiterentwickeln und an neue Rahmenbedingungen anpassen. Und das ist oft komplexer als der Aufbau am Anfang.

Wandern ist für viele Menschen nicht mehr nur Bewegung, sondern längst auch auch ein Stück Lebensqualität, Entschleunigung und Naturerlebnis.

Welche Rolle spielte der Deutsche  Wanderverband?

Eine sehr große – und vor allem eine sehr grundlegende. Der Deutsche Wanderverband hat früh erkannt, dass es für qualitativ hochwertige Wanderangebote klare Strukturen braucht. Mit dem Zertifikat »Qualitätsweg Wanderbares Deutschland« wurde erstmals ein konkreter »Werkzeugkasten« geschaffen, mit dem Regionen systematisch hochwertige Wanderwege entwickeln konnten. Klare Kriterien zur Wegeführung, zur Beschaffenheit oder zur Markierung haben Qualität messbar und vergleichbar gemacht – und damit die Grundlage für viele der heutigen Weitwanderwege gelegt. Ein zweiter wichtiger Baustein war das Zertifikat »Qualitätsgastgeber Wanderbares Deutschland«. Hier wurde die Servicekette rund um den Wanderweg in den Blick genommen.

Gab es schon Vorbilder? 

Ja, die Europa Wanderhotels. Die haben früh gezeigt, wie man sich konsequent auf Wanderer einstellt. Dieses Wissen wurde in konkrete Anforderungen übersetzt – von Trockenräumen über Lunchpakete bis hin zu Toureninformationen oder Gepäcktransport. So ist Schritt für Schritt ein ganzheitliches Qualitätsverständnis entstanden, das bis heute die Basis für gute Wanderangebote in Deutschland bildet. Das war ein echter Meilenstein. Denn erst durch diese Kombination aus guter Wegequalität und passenden Gastgebern ist das entstanden, was wir heute als hochwertiges Wandererlebnis verstehen.

Was macht den Reiz eines Weitwanderweges aus? 

Für mich ist es dieses Unterwegssein über mehrere Tage. Man lässt sich auf einen Weg ein, man wächst ein Stück mit jeder Etappe, man erlebt Landschaft intensiver. Und wenn man am Ende ankommt, ist das ein ganz besonderes Gefühl. Wandern ist für mich eine der intensivsten Arten, eine Region zu erleben – weil man sich Zeit nimmt.